Zwischen Trost und Trugbild:
Warum Bücher in Krisenzeiten so wichtig sind
In einer Welt, die zunehmend von Krisen, Unsicherheiten und gesellschaftlichen Spannungen geprägt ist, wächst das Bedürfnis nach Rückzug. Die täglichen Nachrichten konfrontieren uns mit Klimakatastrophen, Kriegen, politischer Polarisierung und einer Zukunft, die immer schwerer greifbar wird. Viele Menschen wenden sich in solchen Zeiten einem altbewährten Zufluchtsort zu: dem Buch. Romane, Biografien, Gedichte oder historische Erzählungen bieten nicht nur Ablenkung, sondern auch Struktur, Trost und gelegentlich sogar Hoffnung. Doch ist diese Flucht in fiktionale Welten uneingeschränkt hilfreich? Oder birgt sie auch Risiken?
Die Literatur als Schutzraum – Eskapismus
Der Begriff „Eskapismus“ bezeichnet das bewusste Ausweichen vor einer als belastend empfundenen Wirklichkeit. Er wird oft kritisch verwendet – zu Unrecht. Denn Eskapismus ist nicht gleich Realitätsverweigerung. Wer liest, sucht nicht zwangsläufig den Rückzug, sondern häufig Entlastung, Perspektivwechsel oder emotionale Stabilisierung. Bücher ermöglichen es uns, in andere Welten zu reisen, andere Denkweisen kennenzulernen und uns in fremde Schicksale hineinzufühlen. Dass dies nicht nur ein subjektiver Eindruck ist, belegen wissenschaftliche Studien. So konnten Forschungen der US-amerikanischen Emory University in Atlanta zeigen, dass intensive Lektüre messbare Effekte auf das Gehirn hat: Sie stärkt die neuronale Konnektivität in Bereichen, die mit Empathie und Imagination verknüpft sind. Lesen ist also eine Form der geistigen Selbstfürsorge – besonders in Zeiten der Erschöpfung.
Die erzählte Welt als Spiegel der Wirklichkeit
In Krisenzeiten boomt die Literatur. Während der Corona-Pandemie etwa stieg der Absatz klassischer Werke auffällig an, darunter Camus’ „Die Pest“, Orwells „1984“ oder dystopische Romane wie Margaret Atwoods „Der Report der Magd“. Die Leserinnen und Leser suchten nicht nur Ablenkung, sondern auch ein tieferes Verständnis der eigenen Gegenwart. Literatur wurde zur Linse, durch die sich das Jetzt betrachten ließ.
Auch gegenwärtig beobachten Verlage eine verstärkte Hinwendung zu bestimmten Genres: historische Romane, die in Epochen des Umbruchs spielen. Gesellschaftsromane, die das Spannungsfeld zwischen Individualität und Verantwortung thematisieren. Oder fantastische Literatur, die nicht selten utopische Räume öffnet. Bücher werden so zum Resonanzraum für kollektive und persönliche Erfahrungen und sie schaffen Nähe, wo Distanz herrscht.
Der schmale Grat zwischen Rückzug und Verdrängung
So heilsam das Lesen auch sein kann, es lohnt sich, die Grenzen der literarischen Flucht im Blick zu behalten. Wer sich dauerhaft in fiktive Welten zurückzieht, läuft Gefahr, sich von der Realität zu entfremden. Literatur kann trösten, aber auch lähmen, wenn sie als Ausrede dient, sich den Herausforderungen des Alltags nicht zu stellen.
Zudem ist nicht jede Flucht unproblematisch. Auch Bücher können ideologisch aufgeladen sein. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn sie in verklärenden Rückblicken einfache Wahrheiten suggerieren oder in dystopischen Szenarien Angst und Fatalismus verstärken. In diesen Fällen droht eine Verstärkung von Misstrauen, Weltabgewandtheit oder sogar politischer Passivität.
Die Frage lautet nicht: „Dürfen wir uns in Bücher flüchten?“, sondern: „Wie bewusst tun wir es – und mit welchem Ziel?“
Lesen als Kraftquelle
Trotz aller Ambivalenz bleibt festzuhalten Gerade in bewegten Zeiten hat die Literatur eine unverzichtbare Funktion. Sie schafft innere Räume, in denen neue Gedanken entstehen können. Sie bietet Erfahrungsräume, in denen wir uns selbst und andere besser verstehen können. Und sie ist ein Medium, das nicht nur zur Flucht taugt, sondern auch zur Rückkehr – gestärkt, reflektiert und mit einem erweiterten Blick auf die Welt.
Verlage spielen in diesem Prozess eine wichtige Rolle. Sie sind nicht nur Produzenten von Geschichten, sondern auch Kuratoren kultureller Debatten. Mit ihren Verlagsprogrammen spiegeln sie, was Menschen bewegt, und eröffnen Räume für die literarische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen.
Das Buch: Ein Ort der Stabilität
In einer Zeit, in der vieles unsicher scheint, ist das Buch kein Luxus, sondern ein Ort der Stabilität. Die Rückkehr zur Lektüre ist keine Flucht aus der Realität, sondern oft ein Weg, sie neu zu sehen. Zwischen Trost und Trugbild liegt eine literarische Welt, die uns nicht nur entführt, sondern auch ermutigt. Vorausgesetzt, wir begegnen ihr mit Offenheit und dem Mut, nach dem Lesen in die Welt zurückzukehren, die uns alle betrifft.
25. August 2025
