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Neugier


Neugier – etwas Gutes oder Schlechtes?

„Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm“ – so heißt es nicht nur im Lied der Sesamstraße, sondern diese Fragen sind der Sechsklang der Neugier. Was aber genau ist Neugier? Allein diese und jede andere Fragestellung setzt voraus, dass man neugierig ist. 

Allgemein wird Neugier bzw. Neugierde als das vermutlich angeborene Verlangen definiert, Neues zu erfahren und Verborgenes kennenzulernen. Warum ist die Banane krumm? Wenn die Neugier auf ein Interesse an Wissen ausgerichtet ist und forschungs- oder verstandesmäßige Anteile im Vordergrund stehen, dann wird diese Form der Neugier Wissbegierde genannt. Und dann gibt es noch die krankhafte Neugier, auch Skopophilie genannt, besser bekannt als Voyeurismus oder Schaulust. Aber um diese Form der Neugier soll es hier nicht gehen. Ob Neugier bzw. Neugierde positiv oder negativ ist, lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Erkundung von Neuem eröffnet jedenfalls Chancen, kann aber auch oft mit Gefahren einhergehen. Angst ist dabei nicht in jedem Fall ein dämpfender Faktor für die Neugier, sondern kann sie sogar beflügeln – etwa als Suche nach dem ultimativen Kick in der heutigen Freizeitgesellschaft. Gleichwohl gilt vielen Menschen Neugier als etwas Negatives.


Warum hat die Neugier so einen schlechten Ruf?

Neugier galt jahrhundertelang im religiösen wie auch im weltlichen Sinne als Sünde. Man durfte nicht neugierig sein, sondern sollte sich auf das beschränken, was einem zugänglich war. Nichts anderes drückt die biblische Geschichte von Adam und Eva aus, denen es verboten ist, vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Auch wenn der religiöse Aspekt in den Hintergrund getreten ist, Menschen, die ihre Nasen überall reinstecken, kommen in der Regel nicht gut an – auch wenn in jedem von uns Neugier steckt. 


Seine Nase überall reinstecken ist gut

Und doch ist jemand, der als neugierig gilt, bei anderen schnell unten durch, er wird als Rumschnüffler betrachtet, als jemand, der seine Nase in Dinge reinsteckt, die ihn eigentlich nichts angehen. Allein das Wort Neugier klingt negativ – die Gier auf Neues. Woher aber kommt der Wissensdrang, herausfinden zu wollen, wie etwas funktioniert oder wer was und warum tut? Vermutlich ist Neugier angeboren, und sie gehört zu den wichtigsten menschlichen Eigenschaften. Sie gewährleistet quasi unser Überleben und unsere Weiterentwicklung. Nur durch Neugier fand der Steinzeitmensch heraus, wo es das beste Essen gibt, wie man jagt, wie man Feuer macht und eine Behausung baut, um es warm und trocken zu haben. Die menschliche Neugier ist der Katalysator für sämtliche Erfindungen. Ohne Neugier kein Penizillin, keine Mondlandung und auch kein elektrisches Licht, Handys und Computer. Dennoch sind nicht alle Menschen gleich neugierig.


Wieso sind manche Menschen neugieriger als andere?

Liegt es an der Erziehung oder an den Genen, dass ein Mensch blindlings durch den Wald wandert, während der andere unter jedem Stein nachschaut, was sich dort verbirgt, und sich jedes ihm unbekannte Kraut anschaut? Es scheint so zu sein, dass die Kindheit den Umgang mit Neugier für unser restliches Leben bestimmt. Wer als Kind für große Neugierde Rügen und Strafen kassiert hat, wird mit zunehmendem Alter vorsichtiger. Die einst gesunde kindliche Neugier verkehrt sich in Zurückhaltung. Da wird erst einmal gefiltert, analysiert, geprüft und bewertet, um auf Nummer sicher zu gehen. Aber mit zunehmendem Alter nimmt bei den meisten die Neugier ohnehin ab. 


Wir wollen Wissenslücken füllen

Und doch steht allen die Welt offen, es gibt so viel Unbekanntes zu entdecken und herauszufinden. Daher wollen wir diese Wissenslücken mit Informationen füllen. Diese Sehnsucht treibt viele von uns dazu, ununterbrochen Online-News und Facebook-Posts zu verfolgen. Wir sammeln Informationen, um uns ein Gefühl der Sicherheit zu geben. Indem wir alles und jeden „überwachen“ und je mehr wir über die Welt da draußen herausfinden, umso mehr verschaffen wir uns ein Gefühl von Stabilität um uns herum. Dieser psychologisch-soziale Aspekt der Neugier wird schon seit langem zu kommerziellen Zwecken genutzt.


Neugier – Das A und O der Vermarktung

Mittlerweile profitieren Unternehmen und Medien von der menschlichen Neugier, und sie tun alles, um unsere Neugier zu wecken. Die Jagd nach Neuigkeiten findet heutzutage in den neuen Medien statt. Wir bekommen blinkende Werbebanner vor die Nase gesetzt, die wir anklicken sollen, und auch die Fernsehwerbung ist darauf ausgerichtet, unsere Neugierde zu wecken, damit wir ein bestimmtes Produkt kaufen. Hier wird allerdings eine Form der Neugier geweckt, die nichts mehr mit dem Sammeln von Informationen und nützlichem Wissen zu tun hat.


Neugier als Selbstzweck

Und noch eine Form der Neugier hat nichts mit dem Erwerben von Wissen zu tun. Wenn Neugier zum Selbstzweck wird und wir süchtig nach Neuigkeiten sind, nur weil sie Neuigkeiten sind. Ohne stetig neue Impulse, glauben wir, nicht mehr am wahrhaften Leben teilzunehmen. Die Sucht nach News ist schwer zu stillen. Also gehen wir auf Twitter oder Facebook oder ganz allgemein im Internet auf Jagd nach belanglosen Mini-Informationen, die kein Wissen im eigentlichen Sinn darstellen. Mit dieser Befriedigung unserer Neugier machen wir uns vor, wir erhielten wichtige Informationen. Und das ist nicht der einzige Nachteil von Neugier – sowohl für Mensch und Tier.


Neugier kann gefährlich sein

Neuseeländische Forscher fanden heraus, dass Keas, eine besonders neugierige Papageienart, auffallend oft an Vergiftungserscheinungen leiden, denn sie neigen dazu, alles auf seine Essbarkeit zu prüfen – sogar die Nägel von Dächern alter Berghütten. Leider sterben sie dann an Bleivergiftung. Der Mensch ist da nicht viel besser. Man braucht nur die Meldungen in den Zeitungen zu lesen, um zu erkennen, dass Menschen sich und andere sehr oft in Gefahr bringen, weil sie neugierig sind. Wer kennt sie nicht, die „Gaffer“ von Autounfällen auf Autobahnen, die dann zur Gefahr für andere Autofahrer werden und selbst einen Auffahrunfall verursachen. Abgesehen davon leiden wir unter einem permanenten Zuviel an Neugier. Wir warten ständig darauf, dass etwas passiert – egal ob etwas Gutes oder Schlechtes. Ständig schauen wir auf unser Smartphone, ob eine neue WhatsApp-Nachricht reingekommen ist, eine SMS, eine E-Mail. Und um nichts zu verpassen, lassen wir uns selbstverständlich akustisch benachrichtigen. Neugier macht uns süchtig.


Wir sind Informationsjunkies

Die ständige Angst, etwas zu verpassen, macht uns zu Junkies. Wir sind alle wie auf Droge – unsere Neugier macht uns abhängig. Und die Reizschwelle wird immer höher. Das nutzen Unternehmen geschickt bei neuen Formen der Werbung aus. Längst wird nicht mehr für ein Produkt an sich geworben, sondern es wird eine Story drumherum gebaut. Wenn jemand eine Brause trinkt und dann ohne Fallschirm aus dem Flugzeug springt, lautet nicht die Frage, wie die Brause wohl schmeckt, sondern ob der Springer das überlebt. Auch Filmtrailer sind auf die Erzeugung von Neugier ausgerichtet. Wir sollen in zwei Minuten so angestachelt werden, dass wir ins Kino rennen müssen, um uns den Film unbedingt anzusehen. Neugier wecken ist auch das Geheimnis von gut erzählten Krimis. Wir wollen erfahren, wer der Mörder ist, und wissen, wie Rotkäppchen vor dem bösen Wolf gerettet wird. Und weil wir Informationsjunkies sind, brauchen wir immer mehr Reize, um unsere Neugier zu befriedigen. Die Sucht nach Informationen ist für uns die Sucht nach dem ultimativen Kick und bietet uns die Möglichkeit, unserem langweiligen Alltag zu entfliehen.


Die unerträgliche Banalität des Alltags

Neugier dient im Alltag längst nicht mehr der Beschaffung essenzieller Informationen, sondern der Suche nach der ganz sensationellen Nachricht: Jesus ist zurück! Aliens greifen an! Klimawandel zerstört das Leben! Lady Di bei Autounfall ums Leben gekommen! Je schlimmer die Nachricht, desto besser. Alles ist besser zu ertragen als die Banalität des Alltags. Schon Aristoteles meinte, dass die Menschen sich lieber etwas Schreckliches ansehen, als gar nichts zu sehen. Das, was früher für die Menschen die griechische Tragödie war, sind heute die Nachrichten im Fernsehen und in anderen Medien. Die Regenbogen- und Boulevardpresse mit ihrem Klatsch und Tratsch über Promis sowie die privaten Fernsehsender bedienen seit Jahren unsere Sensationslust und unsere Neugier. Unterm Strich ist Neugier aber nichts Schlechtes.


Neugier – die treibende Kraft

Trotz negativer Aspekte ist Neugier die Lust, Neues zu erleben und Neues zu erkunden. Sie ist die treibende Kraft für die geistige und körperliche Entwicklung des Menschen, seine Lernprozesse sowie intellektuellen Leistungen. Neugier ist der Grund, warum wir gerne fremde Speisen ausprobieren und in fremde Länder reisen. Neugier weckt unser Interesse an Menschen und hilft uns, Probleme zu lösen. Neugier stellt die Basis von Lernbereitschaft, Wissensdrang und Intelligenz dar.

 
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