Die heilende Kraft der geschriebenen Worte – Warum es gesund ist, seine Gedanken aufzuschrieben
Das Führen eines Tagebuchs – neuerdings auch Journaling genannt – ist eine seit Menschengedenken angewandte Praxis. Viele Persönlichkeiten wie die Schriftstellerin Virginia Woolf, die Schriftsteller Thomas Mann und Franz Kafka oder auch Christoph Kolumbus haben Tagebuch geführt. Das wohl bekannteste Tagebuch ist das von Anne Frank, in dem sie von 1942 bis zu ihrer Verhaftung und Deportation 1944 viel Privates niederschrieb und über ihre Erlebnisse im Versteck berichtete.
Gründe für ein Tagebuch
Es gibt viele gute Gründe, ein Tagebuch zu führen. Man schreibt alles auf, was einem der Tag gebracht hat, kleine und große Ereignisse, Freuden, Aufregungen und Ärgernisse. Manchmal sind es nur ein paar Zeilen, manchmal mehrere Seiten. Für viele Menschen rundet es den Tag ab, im Tagebuch zurückzublicken und das Geschehene zu ordnen.
Journaling oder Tagebuchschreiben hilft, die eigenen Gedanken und Emotionen zu erforschen und auszudrücken. Indem man sich mit seinen Emotionen auseinandersetzt, entwickelt man ein besseres Verständnis für sich selbst und seine Gefühle. Es hilft, Probleme zu lösen und Stress abzubauen. Schreiben kann auch eine Möglichkeit sein, positive Gewohnheiten zu fördern: Dankbarkeit, Selbstreflexion und Achtsamkeit.
Beschwerdestelle und Seelentröster
Ein Tagebuch dient als Beschwerdestelle, Seelentröster und Ventil zum Stressabbau. Wenn man seine Gedanken niederschreibt, führt man einen klärenden Dialog mit sich selbst. Studien zeigen, dass Tagebuchschreiben hilft, seelisch gesund zu bleiben. Ein weiteres Vorteil des Schreibens ist, dass man Dinge aussprechen kann, die man sonst nie sagen würde. Schreiben ist ein Stück Freiheit. Niemand zensiert einen, letztlich geht es niemanden etwas an, was man niederschreibt. Man macht es nur für sich.
Der österreichische Schriftsteller Arthur Schnitzler beschrieb das Tagebuchschreiben als das wohltuende Gefühl, "mit jemandem zu plaudern, der einem nicht widersprechen kann“. Ein Tagebuch hört zu, ist geduldig und eine Art Verbündeter. Es fördert die Selbsterkenntnis und die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Man kommt seinen eigenen Gedanken auf die Spur und gewinnt Klarheit über sich selbst und vielleicht auch über seine Mitmenschen.
Beim Schreiben werden Eindrücke und Gefühle sortiert und bewertet. Schreiben hilft auch, das Gedächtnis zu trainieren, denn es bringt Wörter an die Oberfläche, die wir im Alltag beim Sprechen kaum verwenden. Und weil wir im Leben vieles vergessen, können wir in einem Tagebuch schöne Momente und kostbare Erfahrungen festhalten. So entsteht eine Chronik unseres Lebens – auch unseres Innenlebens.
Die positiven Effekte des Schreibens
Ein Tagebuch ist ein wertvolles Instrument, um das allgemeine Wohlbefinden zu steigern und positive Veränderungen im Leben herbeizuführen. Zu den Vorteilen des Schreibens gehören:
Stressreduktion: Über belastende Ereignisse zu schreiben, kann helfen, Angst und Stress abzubauen. Dies verbessert das allgemeine Wohlbefinden.
Bessere Stimmung: Durch das Niederschreiben positiver Erfahrungen und Gefühle werden positive Gedankenmuster verstärkt.
Sich selbst besser kennenlernen: Über seine Gedanken, Gefühle und Erfahrungen zu schreiben, kann dazu beitragen, ein besseres Verständnis für sich selbst zu entwickeln. Das Selbstvertrauen wird gestärkt und das Wissen über die eigenen Fähigkeiten wird erhöht.
Verbesserung der Problemlösungskompetenz: Wenn man über seine Probleme und Herausforderungen schreibt, werden Gedanken neu geordnet und neue Sichtweisen eingenommen, was die Lösung von Problemen erleichtern kann.
Worüber schreiben und welche Techniken gibt es?
Tagebuch-Themen gibt es viele. Jeder kann sich seinen individuellen Fragenkatalog zusammenstellen:
- Was ist heute um mich herum passiert und wie habe ich mich dabei gefühlt?
- Was habe ich mit anderen erlebt?
- Wer hat mich geärgert/gefreut/enttäuscht und warum?
- Was hat mich heute besonders glücklich oder dankbar gemacht?
- Was möchte ich in Zukunft in meinem Leben verändern?
- Gibt es jemanden, den ich einmal ansprechen sollte?
- Habe ich in einer bestimmten Situation richtig reagiert, wie hätte ich anders reagieren können?
- Gab es vielleicht ein Missverständnis?
- Wen hätte ich heute loben sollen, habe es aber leider nicht getan?
- War der Tag eher hell oder eher dunkel?
- Was habe ich für meine Gesundheit getan?
Man muss nicht jeden Tag Tagebuch schreiben, aber regelmäßig. Für das Schreiben gibt es verschiedene Techniken. Welche die richtige ist, hängt unter anderem davon ab, was man damit erreichen möchte:
Freies Schreiben: Hier lässt man seine Gedanken einfach fließen, ohne sich um Inhalt, Rechtschreibung oder Grammatik zu kümmern. Freies Schreiben soll helfen, Dinge zu Papier zu bringen, derer man sich vielleicht gar nicht bewusst ist.
Affirmationen: Man formuliert positive Aussagen, die helfen sollen, das Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen zu stärken. Zum Beispiel: "Ich bin stark und mutig", "Ich lasse mich nicht unterkriegen" oder “Ich werde den Job bekommen!”. Die Affirmationen werden der individuellen Situation angepasst.
Reflektierendes Schreiben: Beim Schreiben werden Erlebnisse und Gedanken reflektiert und im Tagebuch festgehalten.
Dankbarkeitsschreiben: Bei dieser Technik geht es darum, jeden Tag Dinge aufzuschreiben, für die man an diesem Tag dankbar ist. Das lenkt den Fokus auf die positiven Aspekte des Lebens und hilft, ein Gefühl der Dankbarkeit zu entwickeln.
Zielorientiertes Schreiben: Ziele und Pläne werden zu Papier gebracht, um die Motivation zu steigern und sich besser und klarer auf die gesetzten Ziele zu konzentrieren. Wie und mit welchen Schritten die Ziele erreicht werden sollen, sollte ebenfalls aufgeschrieben werden.
Brainstorming: Eine bewährte Methode, um die Kreativität zu steigern und neue Ideen zu entwickeln. Man schreibt einfach seine Ideen und Gedanken auf, ohne deren Sinn zu hinterfragen oder sie zu bewerten.
Positive und negative Erlebnisse und Erfahrungen zu Papier bringen, sich schriftlich mit Problemen und Gefühlen auseinanderzusetzen, dient nicht nur dazu, wichtige Lebenssituationen festzuhalten, um sich später rückblickend daran zu erinnern, sondern hat auch eine heilsame Wirkung: Man wird seelisch belastenden Müll los.
Probieren Sie es aus!
