Vielfalt von Geschlechteridentitäten
Haben Sie schon mal eine Geschichte gelesen, in welcher alles schwarz-weiß gemalt wurde? Die Figuren waren entweder gut oder böse, es gab einfach kein Dazwischen, keine Möglichkeit für Menschlichkeit. Denn wenn wir ehrlich sind, ist es das, was Menschsein bedeutet: Entwicklung, Verschiedenheit, Komplexität. Keiner von uns ist irgendetwas zu 100 % und genauso wenig sollten es die Figuren einer Geschichte sein. Romanfiguren überzeugen die Leser:innen erst so richtig, wenn sie komplex sind, viele verschiedene Eigenschaften besitzen, die auch gerne mal im Gegensatz zueinander stehen können. Sonst wäre die Geschichte platt, wir hätten keine Lust weiterzulesen und die Figuren würden unauthentisch wirken. Aber wenn dem so ist, warum werden dann Figuren so oft einfach nur männlich oder weiblich geschrieben?
Da die Thematik von Geschlechtern und Sexualitäten die Menschen beschäftigt und es viele Meinungen und Vorstellungen dazu gibt, haben wir Ihnen einen kleinen Überblick erstellt. Hoffentlich können wir Ihnen somit einen vereinfachten Zugang und neue Anregungen für Ihr kreatives Schaffen bieten!
Was sind Geschlechteridentitäten?
Im Folgenden werden wir von Geschlechtsidentitäten sprechen, da es sich hierbei um das innere Wissen eines jeden Menschen über das eigene Geschlecht handelt. Dem entgegengesetzt stehen die Geschlechterrollen. Sie werden uns von außen aufgetragen, meist handelt es sich dabei um weiblich und männlich. Die Geschlechterrollen stellen bestimmte Erwartungen an uns, denn sie besitzen ein spezifisches Verständnis davon, wie eine Frau oder ein Mann sich verhalten soll. Dies reicht über Benehmen, Kleidung, Beruf und andere Verpflichtungen bis hin zu Hobbys und Interessen. In der Debatte um die Geschlechtsidentität geht es also darum, die Menschen von den Erwartungen der anderen und der Gesellschaft zu befreien.
Und es gibt natürlich viel mehr als nur zwei Geschlechtsidentitäten! Nicht alle Menschen fühlen sich als Männer oder Frauen. Diese Personen bezeichnen sich dann beispielsweise als nicht-binär oder genderqueer. Binär bedeutet auf lateinisch ‚zwei‘. Dementsprechend weist nicht-binär daraufhin, dass die jeweiligen Personen sich außerhalb der Kategorie weiblich-männlich einordnen. Menschen dieser Identität gab es schon immer, sie trugen verschiedene Namen je nach Zeit und Region und waren in manchen Kulturkreisen präsenter als in anderen.
Die Vielfalt von Geschlechteridentitäten ist unbegrenzt. Und ja, es ist okay, wenn Sie sich erstmal denken: „Puh, wie verwirrend.“ Aber überlegen Sie sich auch einmal, wie befreiend und schön es ist, dass jede:r für sich selbst bestimmen kann, fern von jeglichem Zwang. Dabei kann es auch sein, dass sich das eigene Geschlecht im Laufe des Lebens verschieden anfühlt. Das ist kein Grund, sich zu schämen oder sich rechtfertigen zu müssen. Denn es gibt kein Richtig und Falsch und Entwicklung deutet immer auf Charakterstärke. Trotz der grenzenlosen Vielfalt wollen wir Ihnen die aktuell wichtigsten, weil am häufigsten benutzten, Begriffe vorstellen:
1. Agender: Diese Personen fühlen sich keinem Geschlecht zugehörig, sie empfinden sich als geschlechtsneutral oder sind der Meinung, dass ihr Geschlecht keinen relevanten Teil ihrer Identität bildet.
2. Androgyne Personen weisen die Binärität zurück und befürworten Geschlechtsfluidität. Entsprechend der Wortbedeutung beschreibt Androgynität das Zusammenfallen von männlichen und weiblichen Attributen. Dies kann sich beispielsweise auf das Äußere wie Kleidung oder das Auftreten einer Person beziehen.
3. cis-Gender: Dies ist die Bezeichnung für Menschen, deren Geschlechtsidentität mit dem übereinstimmt, welches ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. In einer heteronormativen Gesellschaft wie bei uns gilt das als Norm.
4. Genderfluid: Menschen, die sich so bezeichnen, empfinden ihr Geschlecht als fließend und beweglich. Die Geschlechtsidentität befindet sich in Bewegung und kann sich von Tag zu Tag oder von Woche zu Woche verändern. Dieser Wechsel beschränkt sich keineswegs nur auf weiblich und männlich, auch er kann alle Schattierungen der Geschlechteridentität beinhalten.
5. Gender-queer: Gender-queer zu sein bedeutet, das Geschlecht als Kategorie zu hinterfragen und/oder sich als nicht (oder nicht ganz) weiblich oder nicht (oder nicht ganz) männlich zu fühlen. Gender-queere Personen bezeichnen sich oft als trans*.
6. Inter*: Intersexualität wird als pathologisierende Diagnose auf Personen verwandt, deren Körper medizinisch nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können. Viele Inter*-Personen lehnen Intersexualität daher als Selbstbezeichnung ab.
7. Trans*: Trans* ist ein Sammelbegriff, der ein breites Spektrum von Identitäten, Lebensweisen und -Konzepten umfasst.
8. Transgender: Der Transgender-Begriff beschreibt Personen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, welches ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.
9. Transsexualität: Transsexuelle Personen identifizieren sich ebenfalls mit einem anderen Geschlecht als dem, welches ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Mit diesem Begriff definieren sich oft Personen, die ihren Körper dem Geschlecht angleichen wollen, mit dem sie sich identifizieren. Aber auch Personen, die keine Körperveränderungen anstreben, identifizieren sich als transsexuell.
10. Queer: Hier werden sexuelle Orientierungen sowie Geschlechteridentitäten ‚quer‘ zur vorherrschenden Norm beschrieben. Queer fungiert als Sammelbegriff, die Bezeichnung entzieht sich einer eindeutigen Definition und soll ein dynamisches Konzept bleiben.
11. Questioning: Als questioning bezeichnen sich Menschen, die sich in der Findungsphase befinden. Sie sind dabei, ihre Geschlechteridentität zu hinterfragen und neu zu entdecken. Diese Phase findet keineswegs nur einmal im Leben statt, sie kann immer wieder und in jedem Alter auftreten.
Wichtige Tipps
Dass Geschlechteridentitäten in der breiten Öffentlichkeit von allen Seiten diskutiert werden können, ist ein relativ junges Phänomen. Auch die Kategorisierung erweitert sich hier stetig, das heißt, es ist ein brandaktuelles Thema. Wenn Sie immer auf dem neuesten Stand bleiben wollen, lohnt es sich hier, sich stetig damit zu beschäftigen. Besonders wichtig: Hören Sie sich die Erfahrungen und die Gefühle der Menschen an, die sich außerhalb der Vorstellungen von ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ verorten. Versuchen Sie, Ihre eigene Meinung niemandem aufzuzwingen, denn Geschlechteridentitäten fühlen sich an wie Geschmack: Bei jedem Menschen ein bisschen anders und deswegen nicht richtig oder falsch. Der eine sieht sich eben als Tomatenliebhaber und der andere sich eher als Karottenliebhaber.
Wenn Sie sich in andere einfühlen können, auch in deren Geschlechteridentitäten, werden Sie Ihre schriftstellerischen Fähigkeiten enorm erweitern können. Sie werden in der Lage sein, komplexe und vielfältige Figuren zu schaffen, die weit entfernt von jeder Klischeehaftigkeit sind.
