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Selektive Empathie

– Warum uns dasselbe Leid unterschiedlich berührt –


Empathie ist die Fähigkeit, sich emotional in die Gefühlswelt einer anderen Person hineinzuversetzen und das empfundene Leid nachempfinden zu können. Empathie wird im Allgemeinen als eine lobenswerte Eigenschaft angesehen. Empathie wird von der Gesellschaft vor allem in Krisen- und Konfliktsituationen eingefordert. In dem Fall wird erwartet, sich in Menschen einzufühlen, die man in der Regel nicht persönlich kennt. 

Die Fähigkeit, die Empfindungen, Emotionen und Gedanken eines anderen Menschen zu erkennen und nachzuempfinden, beruht darauf, dass ich den anderen als jemanden wahrnehme, der mir ähnlich ist, und dass das, was der andere empfindet und was ihm widerfährt, auch mir widerfahren könnte, auch ich es empfinden könnte. Aber wie kommt es, dass uns dasselbe Leid bei manchen Menschen mehr berührt als bei anderen?

Empathie hat mit Gefühlen und Kennen zu tun

Wenn wir ehrlich sind, empfinden wir Empathie vor allem für Menschen, die uns ähnlich sind, die wir selbst sein könnten. Und dann vielleicht auch für Menschen, die wir besser kennen. Wenn ein Freund oder ein Familienmitglied ein bestimmtes Leid erfährt, dann fühlen wir eher mit ihm, als wenn dasselbe Leid von einer uns fremden Person erlitten wird. Wenn ein Land oder Volk, mit dem wir uns aus irgendeinem Grund  verbunden fühlen, eine Tragödie erlebt (Umwelt-, Naturkatastrophe, Krieg, etc.), fühlen wir wahrscheinlich mehr mit den Menschen, die dort leben, als wenn sich dieselbe Tragödie in einem Land ereignet, zu dem wir keinen Bezug haben. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass uns diese Tragödie selbst widerfahren könnte. 

Empathie vs. Mitgefühl

Wo liegt der Unterschied zwischen Empathie und Mitgefühl? Mitgefühl ist, wenn mir die Not eines anderen Menschen leidtut und ich mich dann auch moralisch motiviert fühle, dieses Leid zu verändern, zu beheben. Bei der Empathie geht es um ein aufmerksames Nachvollziehen der Situation anderer.

Warum fühlen wir mit einigen Opfern mit und mit anderen nicht?

Ein gutes Beispiel für selektive Empathie ist unsere Reaktion auf Kriege und kriegerische Konflikte. Als Russland die Ukraine überfiel und ihr den Krieg erklärte, gab es eine Welle der Empathie und des Mitgefühls. Zum einen, weil dieser Konflikt medial so präsent ist, dass sich viele die Situation der Menschen in der Ukraine und der Flüchtenden auf sehr anschauliche Weise vergegenwärtigen konnten. Wir haben Mitleid für die desaströse ungerechte Lage der Ukrainerinnen, wir erkennen, da läuft moralisch etwas falsch.

Als die Hamas in Israel eindrang und dort unzählige Menschen tötete und entführte, fühlten ein Teil der Menschen in den westlichen Ländern mit den Opfern und ihren Angehörigen. Wie kommt es aber, dass ein anderer Teil der Menschen für die Zivilisten in Gaza kein Mitleid zu haben scheinen, während andere dieses Leid in den Mittelpunkt rücken und das vorangegangene, von der Hamas den Israelis zugefügte Leid ausblenden? Empathie ist selektiv, weil sie offensichtlich etwas mit Identifikation zu tun hat. Viele können oder wollen sich nicht mit einem bestimmten Opferkreis identifizieren. Vielleicht, weil diese Opfer anders aussehen als wir, anders leben, aus einer anderen Kultur kommen und wir sie als Feinde betrachten. In Europa lebende Muslime hingegen fühlen mit den muslimischen Zivilisten in Gaza, weil sie selbst aus dem arabischen Kulturkreis kommen. Das Schicksal der von der Hamas getöteten und entführten Israelis scheint sie dagegen nicht zu berühren und wird zum Teil auch politisch gerechtfertigt. Empathie hat also auch mit Affinität, Antipathie, Sympathie und politisch-gesellschaftlichen Positionen zu tun.

Ähnlich verhält es sich mit den Opfern des Krieges in Syrien. Während die meisten Mitteleuropäerinnen und Mitteleuropäer mit den Opfern in der Ukraine mitfühlen, hält sich die Empathie für die von der Türkei bombardierten syrischen Kurden in Grenzen. Ja, selbst Menschen aus dem arabischen Kulturkreis reagieren auf das Leid der Kurden teilnahmslos und zeigen eine selektive Empathie. Dass im Jemen oder im Sudan Krieg, Flucht und Vertreibung herrschen, nehmen die meisten gar nicht mehr wahr, zumal die mediale Berichterstattung im Gegensatz zu den Kriegen in der Ukraine und zwischen der Hamas und Israel sehr reduziert ist.

Oder liegt es vielleicht auch daran, dass es zu viel verlangt ist, mit allen Opfern von Kriegen und Naturkatastrophen gleichzeitig mitzufühlen?

Selektive Empathie und Stimmungsmache

Selektive Empathie führt zu Solidarität, ist aber auch Ausdruck dessen, dass komplexe Sachverhalte nicht mehr richtig analysiert, sondern moralisch in Gut und Böse eingeteilt werden. Empathie kann auch zur bewussten politischen Stimmungsmache eingesetzt werden, um die jeweilige Gegenseite schlecht zu machen und uns zu zwingen, für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen. Die Frage ist aber: Muss man immer Stellung beziehen und Empathie zeigen?

Moralische Positionierung

Die Forderung nach Empathie und moralischer Positionierung birgt die Gefahr, die Fähigkeit zu komplexem Denken zu vernebeln. Empathie ist wichtig in der Begegnung mit konkreten Menschen, sie kann auch eine wichtige Grundlage sein, um hinter politischen und militärischen Konflikten die konkreten Menschen nicht zu vergessen. Aber der Verstand muss weiter funktionieren, und wenn man sich intellektuell mit dem Leid eines Menschen oder einer Menschengruppe auseinandersetzt, kann die auf der Gefühlsebene ausgelöste Empathie durchaus verloren gehen.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Es ist ein Unterschied, ob man selbstverschuldet oder unverschuldet in eine Leidenssituation gerät. Setzt man sich mit dem Leid eines Menschen auseinander und erkennt, dass dieser Mensch sein Leid selbst verursacht hat, dann ist man eher nicht geneigt, Empathie zu zeigen, sondern ihm allenfalls Wege aus seinem selbstverschuldeten Leid aufzuzeigen. Das gilt für politische und kriegerische Konflikte ebenso wie für Einzelschicksale. Man empfindet eher Empathie für Menschen, die nichts für ihr Leiden können oder die es nicht in der Hand haben, ihr Leidensproblem zu lösen. Wenn dagegen jemand wissentlich in sein Unglück rennt und sich dadurch selbst Leid zufügt, kann er in der Regel auf wenig Empathie oder Mitgefühl hoffen.

Wir mögen wenig Empathie für Menschen empfinden, die anders sind als wir und uns vielleicht sogar feindlich gesonnen sind. Aber wir können sie intellektuell als ebenbürtige Menschen anerkennen und uns zwingen, sie mit ihren Motiven zur Kenntnis zu nehmen. Theoretisch ist es also auch Empathie, wenn man versucht nachzuvollziehen, was im Kopf eines unmoralischen Aggressors wie Wladimir Putin vorgeht. Es liegt dann an uns, ob wir unsere Empathie einsetzen, um ein kollektives Leid, ein Einzelschicksal oder einen Konflikt zu lösen oder zu minimieren. 

 
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