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Demagogie – die Macht der manipulativen Redner



Wenn falsche Personen die Kunst der Schönrederei beherrschen wird sie zu einer gefährlichen Waffe

Schönrederei ist eine hohe Kunst; zudem eine gefährliche Kunst, wenn sie in Besitz falscher Personen gerät. Wie schon oft wurde die schöne Rede zum Verhängnis der Menschheit, indem der Redner durch präzise Anwendung der Rhetorik in die Gefühle der Menschen eindrang und sie nach seinem Belieben lenkte. Er besaß eine immense Macht, mit der er die Zuhörer in ausnahmslose Euphorie versetzte. So war es eine Frage der Zeit, bis er die Masse in seinen Bann zog und sie manipulierte. Im Gegenzug kann der Redner über das Wohlbefinden eines Volkes bekümmert sein, sodass er mit seinen Aussagen die Menschen für das richtige Handeln ermutigt. Obwohl auch hier ein Einfluss vorhanden ist, ist dieser jedoch nicht immer von persönlichen Bedürfnissen des Redners geleitet. Sie sind zwar noch vorhanden, im Vordergrund aber steht ein ethisches Motiv.



Der Demagoge in der Antike war ein gebildeter Aristokrat, der aus der Seele des Volkes sprach

In der antiken Demokratie wurde ein Demagoge (dt. Volksführer) als diejenige Persönlichkeit bezeichnet, die als Ratgeber durch Ansehen und Rednerfähigkeiten im politischen Geschehen fungierte. Jeder aus dem Volk hatte die Möglichkeit und das Recht, seine Argumente auszutauschen und seine Mitmenschen aktiv zu beeinflussen. Doch waren nicht viele dazu geneigt und hatten zudem nicht die jeweilige Ausbildung und Erfahrung, sodass eigentlich immer dieselben Redner über einen längeren Zeitraum hinaus regelmäßig zur Rede kamen. Dies bedeutet, dass die Redner hauptsächlich aus vornehmen Familien kamen. Denn es war eine besondere Begabung und Ausbildung des Redners vonnöten, da geschwind die Initiative ergriffen und in kurzer Zeit die Angelegenheit so knapp wie möglich erläutert werden musste, um schließlich zu einer Entscheidung zu kommen. Da diese Ausbildung hohe finanzielle Mittel bedurfte, die sich nur die reichen Familien leisten konnten, genossen lediglich die Aristokraten, also die gesellschaftlichen Eliten, solch ein Studium.
Der Aristokrat musste jedoch zugleich eine Person aus dem Volk sein, wenn er diese Menschen ansprechen wollte. Als Redner war er gezwungen, zu beweisen, mit seinem Denken aus der Seele des Volkes zu sprechen, indem er zugleich die Menge verteidigte und beriet, auf dass er eine große Einheit mobilisieren konnte.


Bereits in der Antike wurden Demagogen als Heuchler und Schmeichler kritisiert

Auch zu jener Zeit gab es viel Spott für die Demagogen, beispielsweise von Aristophanes, dem Komödiendichter: „Diese seien korrupt und unfähig, von geringer Bildung, prozesswütig und überträfen sich gegenseitig in heuchlerischen Loyalitätsbekundungen gegenüber dem Volk, während sie in Wahrheit nur in die eigene Tasche wirtschafteten.“ 

Aristophanes war nicht der Einzige, der die Demagogen tadelte. Für Aristoteles ist der Umstand, wo die Gesetze nicht mehr herrschen, eine demagogische Regierungsform. Das Volk wird hier zum Alleinherrscher, das nicht mehr nach Gesetzen regiert und zudem die Schmeichler verehrt. Der Demagoge ist demnach einer, der nicht nach Gesetzen handelt, sondern nach Volksentscheid, währenddessen er die Meinung der Menge manipuliert – eine despotische Herrschweise also, die auf Eigennutz fundiert?
Denn Aristoteles sieht die Entstehung der Tyrannenherrschaft in der Demagogie, für die drei Gründe ausschlaggebend sind: (1) Die Entwicklung der Redekunst, (2) die Überantwortung einer großen Macht an die Staatsbeamten und (3) die Erlangung des Vertrauens des Volkes durch Hass gegen die Reichen.
Abgesehen von den Kritiken, so scheint es, dass der Demagoge ein wichtiger Bestandteil des demokratischen Systems in Athen war, der als Experte mit einem gewissen Sachwissen agierte, um mit den Menschen aus dem Volk zu diskutieren und zu entscheiden. in der Antike hatten die Demagogen eine zweckerfüllende Funktion und waren ein fester Bestandteil der attischen Demokratie.


Die Masse möchte verführt werden und der Redner verführt

Jeder einzelne Zuhörer verbindet seine eigenen Interessen mit denen des Redners: Es findet eine Übereinstimmung in den Gefühlen statt, keine in der Vernunft. Die Masse möchte selbst verführt werden und lässt dies zu, der Redner nutzt die Situation aus und verführt. Dies rührt daher, dass die Zuhörer und den Redner eine Sorge oder ein Unmut verbindet, nämlich der Wunsch, sich gegen die bestehende Ordnung aufzulehnen und die regierenden Autoritäten zu schwächen. Sie fühlen sich dazu berechtigt und um an das Ziel zu gelangen, welches der Machtanspruch ist, lehnen sie sich gegen die Gesetze auf. Nicht die Gesetze sind von nun an die Wegweiser, sondern der eigene Wunsch, über den Gesetzen stehen zu können.



Demagogie bedeutet Machtergreifung ohne Gewalt

Die Macht, die ein Demagoge sich aneignet, erfolgt somit nicht allein durch ihn selbst, sondern er bedarf Zuhörer, die ihm diese Macht erlauben. Es ist keine Machtergreifung durch Gewalt, indem er die Zuhörer zwingt, sich ihm anzuschließen, sondern er erlangt sie durch ein Nehmen und Geben. Der Demagoge ist quasi abhängig von einer Gruppe, die er dann abhängig von sich selbst macht. Im Gegensatz zum Demagogen müssen die Zuhörer jedoch keine Bildung besitzen. Somit ist es einfacher, solchen Gemütern zu schmeicheln, weil der Redner weiß, wo genau er seinen persönlichen Eigennutz einpflanzen kann – denn das Gegenüber ist nicht in der Position, zu hinterfragen, geschweige denn zu entscheiden.
Ein Bürger, der stets demokratisch gesinnt ist, lässt sich nicht so einfach verführen. Denn er ist einer, der sich den Gesetzen bewusst beugt, einer, der mitgestalten will, indem er selbst lenkt und sich lenken lässt. Ein Demagoge hingegen spricht zum Volk bzw. zu den Massen, quasi als Gebildeter zu den Ungebildeten, aber nicht zu Bürgern. Zwischen diesen beiden, dem Demagogen und seinen Zuhörern, besteht eine Art Hirte- und Schafsverhältnis – Schafe lassen sich lediglich lenken und der Hirte leitet das Geschehen, ohne sich selbst lenken zu lassen.


Ist ein charismatischer Redner automatisch ein Demagoge?

Die Beherrschung der Kunst des Redens, dies wäre auch die wichtigste Eigenschaft eines Demagogen. Doch ist jeder, der eine ausgeprägte Gabe für das Reden besitzt, gleich ein Demagoge? 
Der Unterschied macht sich in der Absicht der jeweiligen Personen bemerkbar. Auch wenn ein gewisses Eigeninteresse beim Letzteren vorhanden sein kann, ist die Frage, was im Vordergrund steht. Der Demagoge setzt den Eigennutz an die erste Stelle, nutzt aber das Allgemeinwohl als Schein für sein Vorhaben; er nutzt dieses Credo also als Mittel, nicht als Zweck, um sein eigentliches Motiv durchzusetzen. Hierin, in diesem Schein, liegt womöglich seine größte Macht, da er im Geheimen agiert. Was diese geheimen Interessen sein können und wozu diese führen, können wir nicht nur ahnen; ein Blick in die Vergangenheit genügt. Anstelle von Tugenden wie beispielsweise Gerechtigkeit stehen Hetze und Eigensinn im Vordergrund; die Gesetze, die einen demokratischen Staat ausmachen, sind irrelevant, da der Demagoge seiner Ansicht nach über diesen steht – die Gefühle sind mächtiger als die Vernunft.
Demokratie hingegen braucht Vernunft und Logik, die von eigenen Interessen bereinigt ist. Die Reden, die hier gehalten werden, sind mehr sachlicher Natur. Sie sind nicht an das Volk gerichtet, sondern an die Bürger, die mitgestalten, die die Gesellschaft fördern und entwickeln wollen.


Demagoge gibt sich als jemand aus, der er nicht ist

Doch jeder dieser Befähigten besitzt eine Macht, der er selbst nicht gewachsen zu sein scheint. Diese Macht wiederum, wie auch die Gefahr, die von dieser ausgeht, gründet vielmehr in dem Zustand, in dem der Demagoge sich selbst befindet: Er gibt sich als jemand aus, der er nicht ist. Gerade mit dieser Eigenschaft ist er in der Lage, Massen zu mobilisieren. Er beabsichtigt seiner Meinung nach Gutes; für ihn ist das, was er tut, tatsächlich gut, ohne aber im Endzweck Gutes zu tun oder getan zu haben, sodass der Demagoge einem Schatten, einem Trugbild hinterherläuft.


Der Demagoge von heute

Um eine wirksame Rede halten zu können, wie auch um die Menschen zu verführen, muss der Demagoge von heute rhetorische Fähigkeiten besitzen. Er muss heute nicht mehr aus vornehmen Familien stammen oder einer bestimmten Elite angehören, doch ein bestimmtes Wissen zu Themen, die für den Zuhörer von emotionaler Bedeutung sind, und äußere Merkmale, die ihn mit der Masse verbinden, sind erforderlich. Ein Unwürdiger kann nicht die Wahrheit aussprechen und er kann kein Anspruch an die Führung stellen.