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Wie schreibe ich ein Märchen?

Märchen bilden eine bedeutende, sehr alte Art von Prosatexten in allen Kulturen. Jedes deutsche Kind kennt die Geschichten von Rotkäppchen, Schneewittchen und dem Rumpelstilzchen. Dass es diese Erzählungen schon so lange und in so vielen Kulturen in ähnlicher Form gibt, liegt daran, dass sie universal gültige Erlebnisse beschreiben, die für die Erzähler und Zuhörer auch noch Generationen nach ihrer Entstehung relevant sind. Oft sind zum Beispiel Themen wie Armut, Gerechtigkeit und Eifersucht Hauptbestandteile von Märchen, und Ort und Zeit der Handlung werden nicht genau beschrieben, sodass sie jederzeit und überall spielen könnten. 


Stilistische Erkennungsmerkmale von Märchen 

Im Gegensatz zu anderen Textgattungen sind Märchen meist auf den ersten Blick als solche zu erkennen, zum einen durch typische Ausdrücke wie „Es war einmal…“ und „sie lebten glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende“, aber auch durch weniger auffällige Eigenschaften. Es empfiehlt sich also, diese Merkmale in Ihr Märchen einzubauen, um es leicht als solches erkennbar zu machen.

Märchen berichten über wundersame Gegebenheiten, die einem Helden oder einer Heldin zu Reichtum und Anerkennung verhelfen. Das kann heißen, dass der Hauptcharakter einen magischen Gegenstand findet oder dass ihm von einem magischen Wesen oder einer Hexe geholfen wird bzw. dass er diese besiegt. Die Handlungsstränge sind dabei von einer fraglosen Selbstverständlichkeit geprägt. Alle wundersamen Elemente werden vom Erzähler und den Charakteren einfach akzeptiert und nicht in Frage gestellt, Magie ist Teil ihrer Welt. Zudem ist die Sprache oft veraltet, was aber die Allgemeingültigkeit der Moral unterstreicht. Die Sätze sind meist kurz aber ausdrucksstark, da viele Vergleiche und Metaphern benutzt werden. 

Die Erarbeitung einer Märchenhandlung 

Die Handlungen von Märchen sind im Allgemeinen auf eine Haupthandlung und wenige Charaktere beschränkt. Die meisten Geschichten verlaufen nach einem ähnlichen Muster, das leicht nachzuahmen ist. 

1. Ein Held zieht von zuhause los, um eine Aufgabe zu erfüllen. 

2. Auf diesem Weg wird ihm zum Beispiel etwas verboten, das er aber trotzdem macht, was ihn in Schwierigkeiten bringt. 

3. Ein Gegenspieler versucht den Helden zu betrügen oder von seinem Ziel abzubringen, doch der kann ihn überlisten. Oft wiederholen sich diese Prüfungen dreimal, bis das Böse endgültig besiegt ist. 

4. Nach dem Erfüllen der schwierigen Aufgabe kehrt der Held nach Hause zurück und heiratet. 

Diese Wiederholungen verleihen dem Genre seinen speziellen Reiz und geben dem Autor eine gute Vorstellung von den Erwartungen an Märchen. Allerdings ist es dadurch auch schwierig, etwas vollkommen Neues zu schaffen. 

Ein moderner Autor könnte zum Beispiel den Schauplatz und damit die Rahmenbedingungen eines bekannten Märchens ändern, sodass es zur heutigen Zeit spielt und die Hauptfiguren nicht in einem einsamen Dorf oder in einem Königreich, sondern in einer modernen Stadt leben und moderne Technik nutzen. Eine solche Neuerzählung eines altbekannten Märchens kann sich natürlich von einem eher kurzen Märchen zu einem Roman entwickeln. Damit es aber ein Märchenroman bleibt, sollten die stilistischen Besonderheiten des Genres beibehalten werden, andernfalls wäre nur noch das Thema märchenhaft. Außerdem besteht die Wahl zwischen den grausameren Märchen, wie denen der Gebrüder Grimm, und den zuckersüßen Disney-Märchen. Als Autor haben Sie also freie Wahl zwischen einer Vielzahl von Themen und stilistischen Merkmalen, aber auch eine klare Strukturvorgabe, was die Planung des Buchprojekts deutlich erleichtern kann. 

Die Konstruktion von Märchencharakteren 

Da Märchen meist sehr kurz sind, sind auch die Charaktere eher eindimensional. Sie verkörpern archetypische Rollen, wie den Helden und den Gegenspieler. Die Helden sind oft körperlich schwach aber schlau und gutherzig, während Stiefschwestern als dumm und gemein auftreten. Nebencharaktere sind meist nur funktional, sie tauchen zum Beispiel nur zur Aussendung des Helden oder zum Übergeben eines Gegenstandes auf und werden nicht weiter charakterisiert. In einem modernen Märchen könnten die typischen Eigenschaften oder Vorgeschichten der Figuren durch unerwartete ausgetauscht werden, um der bekannten Erzählung eine neue Facette zu geben und um die Geschichte vielschichtiger zu erzählen. 

Neben den menschlichen Hauptcharakteren kommen in Märchen immer wieder auch sprechende Tiere, Fabelwesen, Zauberer und Hexen vor. Hier können Sie Ihrer Fantasie freien Lauf lassen und sich eigene Kreaturen überlegen, die zu Ihrem Märchen passen. Sie sollten aber darauf achten, dass Sie dabei nicht wie bei einem Fantasy-Roman eine ganze Welt entwerfen, sondern es bei einigen Dingen belassen, damit Ihr Märchen, wie die bekannten Volksmärchen, noch einen Realitätsbezug hat. Dadurch bewahren Sie auch die Eigenschaft von Märchen, viel über die sozialen Bedingungen zur Zeit ihrer Entstehung auszusagen, zum Beispiel über die Armut von Bauern in Monarchien oder den Hang einer Gesellschaft zum Verschwenderischen.  

Ihr Märchen 

Märchen, die nicht über Generationen hinweg überliefert wurden, nennt man auch Kunstmärchen, da sie bewusst von einem Schriftsteller geschrieben wurden. Dadurch sind diese Märchen sehr von der Weltanschauung der Autoren geprägt und ein wunderbares Mittel, um etwas, das Ihnen wichtig ist, literarisch darzustellen. Sie können Motive aus Volksmärchen aufgreifen, oder es bei den Elementen des Wundersamen belassen. Märchen sind also ein vielseitiges Genre, das sich für Neuerzählungen anbietet, da selbst wenige seiner vielen Charakteristika ausreichen, um es als Märchen zu identifizieren. So können Sie auch Ihren eigenen Märchen-Schreibstil schaffen, wie es auch Hans Christian Andersen getan hat, indem er die Schauplätze konkret beschrieb und aus einer kindlichen Weltanschauung heraus erzählte. 

 

Hilfsmittel und Recherche zu Märchen

Grundsätzlich ist es immer hilfreich, sich ausführlich mit dem Genre des geplanten Buchprojekts zu beschäftigen. Sie sollten also so viele Märchen wie möglich lesen, um ein Gefühl für die Textart zu bekommen und um herauszufinden, welche Elemente Ihnen besonders gefallen. Zudem gibt es viele theoretische Texte zum Thema Märchen. Der russische Folklorist Wladimir Propp hat sich zum Beispiel ausführlich mit der „Morphologie des Märchens“ beschäftigt und die Handlungen vieler Märchen auf ihre kleinsten Elemente heruntergebrochen. Eine Auflistung dieser Bausteine zu Rate zu ziehen hilft ungemein bei der Konzipierung eines eigenen Märchens. Mithilfe dieser Vielzahl von Materialien kommen Sie sicher Ihrem Ziel, ein Märchen zu verfassen, ein Stück näher. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg und Freude beim Schreiben! 

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