Frieling-Verlag Berlin

Bücher und Menschen

Wie kreative Köpfe arbeiten

Wie, wo und wann haben die großen Genies ihre besten Werke geschrieben? Wie unterschiedlich sind kreative Arbeitsprozesse eigentlich? Kann man Kreativität fördern, und wenn ja: Wie? Wir geben ihnen kleine Einblicke in die Arbeitswelt berühmter Schriftsteller.


Von der Muse geküsst

Es gibt Geschichten, die scheinbar fertig in einer entlegenen Ecke des Gehirns eines Autors schlummern und nur auf ihren großen Auftritt warten. Sie sind nicht sorgfältig geplant, sondern entstehen einfach, oft durch Zufälle. So erging es zum Beispiel Astrid Lindgren mit Pippi Langstrumpf. Als ihre 7-jährige Tochter an einer Lungenentzündung litt, erzählte sie ihr jeden Abend Geschichten. Eines Abends fragte sie auf das Drängen des Mädchens hin, was sie ihr denn erzählen sollen. Die spontane Antwort lautete: „Erzähl' mir was von Pippi Langstrumpf!“ Obwohl die Schriftstellerin den Namen nie gehört hatte, fragte sie nicht weiter nach, sondern fing an, zu erzählen. Immer mehr wollte die Tochter, und schließlich auch ihre Freunde, von Pippi hören und so entstanden die Geschichten, ganz spontan. Ähnlich ging es Michael Ende mit Jim Knopf. Der erste Satz entströmte seiner Feder ganz unvorbereitet und die Geschichte entstand dann fast von allein. Der Autor berichtet, er habe sich von einem Satz zum nächsten tragen lassen und sei mitunter selbst erstaunt gewesen, wie sich Handlungsstränge verzweigten. Was eigentlich ein kurzer Text für das Bilderbuch eines befreundeten Graphikers werden sollte, war nach 10 Monaten zu einem umfangreichen, ungeplanten Manuskript herangewachsen.


Bewegung und frische Luft

Oft ist es wichtig, die Kreativität gezielt zu fördern. Dafür haben sich Schriftsteller und Künstler verschiedene Taktiken und Routinen erarbeitet. Wir alle kennen den Spruch „Bewegung und frische Luft sind wichtig und gesund“, doch besonders Kunstschaffende wissen oft, wie wahr dies tatsächlich ist. Frische Luft und Bewegung sind nicht nur für den Körper unerlässlich, sondern auch für den Geist. Viele Autoren haben sich Rituale geschaffen, um sicherzugehen, dass dies nie zu kurz kommt. Täglich trieben sie Sport oder machten Spaziergänge, oft mehrere Stunden lang. Der berühmte Romancier Charles Dickens war bekannt dafür, dass er jeden Nachmittag drei Stunden lang durch die Stadt bummelte. Seine Beobachtungen fanden nicht selten Eingang in sein Schreiben. Der dänische Philosoph S øren Kierkegaard kam manchmal mit so vielen neuen Einfällen von einem seinen Gesundheitsspaziergänge zurück, dass er sich noch mit Hut, Spazierstock und Regenschirm an seinen Schreibtisch setzte und anfing zu schreiben.


Bitte nicht stören!

Viele Autoren brauchen Ruhe zum Schreiben. Wenn sie in die Welt ihrer Figuren und Handlungen abtauchen, wollen sie allein und ungestört sein. Um dies sicher zu stellen, verbot beispielsweise Jane Austen ihren Angehörigen, das quietschende Scharnier an der Tür ihres Arbeitszimmers zu ölen. So war sie immer gewarnt, wenn sich jemand näherte. William Faulkner ging noch einen Schritt weiter: Die Tür seines Schreibzimmers hatte kein Schloss, also schraubte er einfach den Türknauf ab und nahm ihn mit ins Zimmer. Graham Greene hatte ein geheimes Büro, dessen Adresse niemand außer seiner Frau kannte. Ausgesprochen kreativ wusste Mark Twain seine Ruhe zu sichern: Wer ihn sprechen wollte, während er arbeitete, musste in ein Horn blasen.


Aufhören, wenn es am schönsten ist

Man könnte auf die Idee kommen, dass man jeden kreativen Moment nutzen sollte und alle Ideen sofort aufschreiben. Es wird auch Tatsächlich oft empfohlen, viele Notizen zu machen und alle Einfälle aufzuschreiben. Allerdings gibt es auch viele Schriftsteller, die beim Schreiben in einem Moment aufhören, wenn sie noch Ideen haben und ohne Probleme weiterschreiben könnten. Hemingways Arbeitsmotto war: "Man schreibt so lange, bis man an einen Punkt kommt, an dem man immer noch Energie hat und weiß, was als Nächstes kommt. Dann hört man auf, versucht die Zeit bis zum nächsten Arbeitstag zu überstehen - und dann geht es wieder los." Auch Arthur Miller fand es wichtig, die Arbeit zu unterbrechen, wenn er noch etwas zu sagen hatte und nicht die gesamte Kreativität auf einmal zu erschöpfen.


Arbeitszeiten – die große Freiheit: Fluch oder Segen?

Jeder muss für sich herausfinden, wann er seine kreativste Zeit hat. Das ist völlig unterschiedlich. Da es für Künstler unerlässlich ist, auch zu genau der Zeit zu arbeiten, in der sie die besten Werke erschaffen können, muss sich das gesamte Leben nach den Arbeitszeiten richten. Viele Autoren arbeiten entweder in den frühen Morgenstunden oder spätabends am effektivsten. Franz Kafka setzte sich abends um 23 Uhr an den Schreibtisch und arbeitete ca. 7 Stunden lang, Honoré de Balzac stand gegen 1 Uhr morgens auf, arbeitete bis 8 Uhr, schlief eine Stunde und schrieb dann weiter. Um 18 Uhr ging er schlafen, um mitten in der Nacht wieder aufzustehen und weiterzuarbeiten.